

Die Abstrakten Figurationen (Kombination von abstrahierten Zeichen und Figuren) wurden Ende der 50er Jahre von H.J.H. Ertel (Meisterschüler von Prof. Theodor Riebicke) als ikonologisches Kunstkonzept kreiert.
Anfang der 90er Jahre wurde dieses Konzept dann als Gemeinschaftsprojekt von H.J.H. und U. Ertel modifiziert und erweitert, in dem die materiellen Manifestationen der Sichtbarmachung der immateriellen Bildinhalte noch stärker als metaphorische Inszenierungen dramatisiert wurden.
Wir thematisieren und machen den einmaligen Gehalt, die Substanz und symbolischen Werte, die jedem Kunstwerk zugrunde liegen, bei den Abstrakten Figurationen mit der Dramatisierung sozialer Interaktionen durch ein besonderes ikonologischen Konzept bewusst.
Daraus ergibt sich das Konstrukt der Abstrakten Figurationen:
Die Begriffe soziale Interaktion und psychologisch determinierte Beziehungen bezeichnen hier einfache oder komplexe Vorgänge des Verbindens von der Darstellung sozialer Interaktionen sehr vielschichtiger und beziehungsreicher Subjekt-Subjekt- oder Subjekt-Objekt-Beziehungen, das sich aufeinander beziehende Handeln und Einwirken von Subjekten oder Objekten zum Zwecke der Abstimmung des Verhaltens der beteiligten Subjekte bzw. des konkreten Handelns der Subjekte untereinander.
Konstrukt der Abstrakten Figurationen ist also, dass die Voraussetzung für das Gelingen sozialer Interaktion die angemessene Interpretation der Handlungsgründe und Handlungsziele der Subjekte sowie deren Erwartungen an das eigene Handeln sind.
Diese Interpretationsprozesse werden bei dem Rezipienten (Empfänger von Kommunikationsbotschaften) durch die Inszenierung der Bildinhalte intuitiv ausgelöst. Dabei beruhen diese teilweise unbewusst ablaufenden Prozesse immer auf den positiven und negativen und damit bestätigenden oder verneinenden Gefühlen des Rezipienten.
Die inszenierten sozialen Interaktionen und psychologischen Beziehungen der Abstrakten Figurationen sind zudem immer auch wechselseitig und funktionieren nur, wenn der Rezipient aus der Bilddramaturgie imaginär ableiten kann, dass die kommunikativ interagierenden Subjekte der Bilder sich bemühen, Botschaften auszutauschen. Formierung und Auflösung, Konflikte und Verschmelzungen der Abstrakten Figurationen konstituieren somit die Interaktionen.
Dabei lösen wir mit unseren sehr vieldeutigen und hintergründigen Bildinszenierungen bewusst vielschichtige sowohl positiv wie negativ gefärbte Gefühle, Emotionen, Stimmungen oder Affekte aus, denn die Bildthemen stellen nicht nur konstitutiv komplexe soziale Interaktionen dar, sondern sie lösen vor allem auch spontan intuitive, sehr tiefgehende verbal nicht vermittelbare Erkenntnisse aus.
Was der Rezipient bei diesen Erkenntnisprozessen wahrnimmt, ist in erster Linie nicht eine kognitive Klassifizierung der Geschehnisse, sondern diese folgt obligat erst dem Erlebnis des Gestimmtseins.
Entscheidend ist deshab vor allem das Gefühl, das Angenehm- und Unangenehmsein, die Evidenz bei der Einschätzung, ob etwas als wahrscheinlich oder unwahrscheinlich angesehen wird.
Dies dokumentiert sich dann auch in den sehr unterschiedlichen, teilweise völlig von einander abweichenden Wahrnehmungen, Reaktionen und Bewertungen der Bildthemen.
In unseren Bildern der Abstrakten Figurationen thematisieren wir alle Gefühlslagen und Verhaltensmuster, die bei zwischenmenschlichen Beziehungen ablaufen. Beispiele für positive Interaktionen sind dabei:
Dem gegenüber stehen die negativ gestimmten Interaktionen wie bspw.:
Die Inszenierungen erfolgen dabei durch die Dramatisierung
Gleichzeitig werden die Gestik (kommunikative Bewegungen) und Semiotik (Zeichensysteme, Zeichenprozesse) der Bilder dramaturgisch komprimiert. Zum einen durch die künstlerische Inszenierung der Regularität (Regelmäßigkeit):
sowie der Komplexität:
Bei unseren künstlerischen Inszenierungen der Abstrakten Figurationen stellen wir dabei die sozialen Interaktionen weder idealisiert, noch problemgerichtet dar und bieten in der Dramaturgie der Themen auch keine Idealkonzepte oder allgemein gültige Problemlösungen an. Denn dies würde zum Konstrukt der Abstrakten Figurationen im Widerspruch stehen.
Die Abstrakten Figurationen dramatisieren soziale Interaktionen, dessen einzelne Handlungen so aufeinander bezogen sind und in einer Weise wechselwirken, dass sie ohne vorgegebene Logik aus einer übergeordneten und neutralen Sicht heraus als aufgaben-, sinn- oder zweckgebundenes Verhalten angesehen und nachempfunden werden können.
Wir heben damit den üblichen kognitiven Prozess bei der Beschäftigung mit sozialen Idealisierungen oder Konflikten auf, die sonst immer als Abweichungen von erwünschten oder ungelegenen Zuständen der Gesellschaft betrachtet werden.
Wir akzeptieren und berücksichtigen, dass es nicht nur sehr unterschiedliche, sondern auch widersprüchliche Vorstellungen darüber gibt, was gesellschaftlich erstrebenswert und geschätzt oder abgelehnt wird.
Und stellen so mit den Abstrakten Figurationen prinzipiell auch in Zweifel, ob gesellschaftliche Idealzustände oder gesellschaftliche Probleme überhaupt wertneutral dargestellt und vorurteilsfrei dramatisiert werden können.
Die Lebenswirklichkeit zeigt, dass die Idealisierung und Problemwahrnehmung sozialer und psychologischer Beziehungen je nach dem Standpunkt der Person teilweise sehr extrem variieren und konstitutiv immer subjektiv sind.
Aus diesem Grund stellen wir mit den Abstrakten Figurationen auch alle Vorschläge für soziale Ideal- oder Problemlösungen grundsätzlich in Frage, denn die prinzipielle Möglichkeit verschiedener Ursachen für ein gesellschaftliches Ideal oder Problem in die Verantwortung zu nehmen, machen wertneutrale Ideal- oder Problemlösungen streng genommen nahezu unmöglich.
Bei unseren geschlossenen Bildzyklen der Abstrakten Figurationen thematisieren wir alle vorstellbaren horizontalen und vertikalen sowie mehrdimensionale soziale Beziehungen und Interaktionen in Bildserien von drei, vier oder mehreren einzelnen Bildern.
Mehrere sehr komplexe Themenzyklen unserer Abstrakten Figurationen beziehen sich dabei auf das Individuum in der Masse und als Persönlichkeit. Dabei vermitteln wir zum einen, dass der Einzelne ohne soziale Einbindung Teil einer einsamen Masse wird. Dem gegenüber stehen die Themen, dass die Vereinigung der Individien Vereinzelter zum Aufstand der Massen führt.
Daraus ergeben sich zwei unterschiedliche soziale Interaktions- und Beziehungsprozesse.
Bei Bildzyklen mit mehrdimensionalen sozialen Interaktionen unterscheiden wir eine Makro- und Mikroebene. Als Makroebene bezeichnen wir den gesamten Bildzyklus. Auf ihr lassen sich Beobachtungen machen, die aus den Interaktionen auf der Mikroebene nicht erklärbar sind. Sie sind ein Ensemble von Interaktionen und bestimmen mit ihnen den Kanon sehr verschiedener Eigenschaften eines übergeordneten Verhaltens.
Die Mikroebene wird dagegen in den einzelnen Bilder-Inszenierungen dargestellt. Die Beziehungen zwischen den einzelnen Interaktionen der Mikroebene manifestieren sich durch die Wirkung von sehr komplexen vielschichtigen psychologischen Austauschprozessen.
Die Abgrenzung von verschiedenen sozialen Interaktionsebenen gegen einander, das Herausgreifen bestimmter Elemente und bestimmter Wechselwirkungen und das Vernachlässigen anderer Beziehungen und damit die Identifikation eines bestimmten sozialen Verhaltens ist stets vom Rezipienten abhängig, also grundsätzlich auf seine Person bezogen.
Im Gegensatz zu den auf einem Bild inszenierten sozialen Interaktionen, zeigen die komplexen horizontalen und vertikalen sozialen Interaktionen von Bildzyklen konstitutiv Emergenz (Auftauchen höherer Werte aus niedrigeren Seinsstufen).
Emergente Eigenschaften sind hierbei solche, die sich auf der Systemebene durch Wechselwirkungen auf einer anderen Ebene ergeben. Dabei sind die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Ebenen der sozialen Interaktionen lokal, ihre Auswirkungen in der Regel aber global.
Die Attraktivität der Inszenierungen von in sich geschlossenen Themenzyklen, mit vor allem sehr komplexen adaptiven Interaktionen, die sich der Vereinfachung verwehren und vielschichtig bleiben, besteht insbesondere darin, dass sie einen stetigen Fluss von Situationen bieten, dass dabei soziale Interaktionen der Abstrakten Figurationen prozesshaft verwoben und sich gegenseitig bedingend sind.
Henner J.H. Ertel, Ulrike Ertel, München, den 20. März 2005