Kunstgeschichtlicher Stellenwert der Logischen Abstraktionen

Mit wissenschaftlichen Analysen einem Kunstwerk gerecht zu werden, bedeutet eigentlich eine Eingrenzung des künstlerischen Ausdrucks und eine Entfremdung des Werkes von dem Künstler.

Bei den Logischen Abstraktionen ist es aber für das Verständnis dieses schon 1972 von Ulrike Ertel entwickelten neuen Kunstkonzepts sicher erkenntnisfördernd, sich mit den sehr komplexen und vielschichtigen kognitiven und emotionalen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozessen, die durch ihre Arbeiten beim Rezipienten ausgelöst werden, näher auseinanderzusetzen.

Um die folgende Analyse besser zu verstehen, empfiehlt es sich vorher das Statement: Ertel U. (1972), , München, P.I. Press zu lesen.

Die Logischen Abstraktionen ein neues Kunstkonzept

Die strikte Trennung zwischen Gefühlen und Verstand sowie die Idee vom über die Gefühle gestellten Intellekt, durchzieht die Wissenschaft und Philosophie, aber auch die Kunst und beeinflusst unser Denken und Verhalten seit Jahrtausenden. So entstand durch die Geringschätzung des Gefühls in der Philosophie der Antagonismus von der Emotionalität als das Irrationale dem Rationalem gegenüber.

Es ist in der Kunstgeschichte schon gelegentlich vorgekommen, dass sich Kunst und Wissenschaft parallel bewegen und dadurch in der Auseinandersetzung und Beschäftigung mit neuen wissenschaftlichen oder technischen Entwicklungen neue Kunstkonzepte entstanden sind.

Besonders starke Auswirkungen in dem letzten Jahrhundert gingen beispielsweise von der Technologie im Allgemeinen, dem Verständnis von Raum, Zeit und Bewegung oder der Tiefenpsychologie aus.

  • Mit den Logischen Abstraktionen ist die Künstlerin Ulrike Ertel aber der Wissenschaft sogar vorausgegangen und hat die von der psychologischen Forschung erst Ende der 80er Jahre grundlegende Neubewertung der Kognitions- und Emotionspsychologie, schon gut 15 Jahre vorher, im Sinne der späteren wissenschaftlichen und heute immer mehr anerkannten Bewertung, formuliert.

Schon Anfang der 70er Jahre hat sie mit ihrem neuen Kunstkonzept thematisiert und inszeniert, welche hohe Bedeutung und Stellenwert die Emotionen bei nahezu allen psychischen Vorgängen haben, vor allem auch bei der Steuerung und Verarbeitung von Wahrnehmungen und Denken, sowie von anderen rein geistigen Aktivitäten.

Sie hat mit den Logischen Abstraktionen den scheinbar unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Gefühlen und Denken als eine unhaltbare Fiktion aufgehoben. Sie dramatisiert mit ihrer Malerei sehr eindrucksvoll und für jeden offenen Rezipienten emotional und rational nachvollziehbar, dass alle Wahrnehmungs- und Denkprozesse bereits auf einer sehr frühen Ebene untrennbar mit emotionalen Reaktionen verbunden sind. Diese komplexen Reaktionen lenken, steuern und beeinflussen die kognitiven Prozesse auf sehr vielfältige und unterschiedliche Art und Weise.

  • Die künstlerische Visualisierung und Dramatisierung der vielschichtigen Bedeutungen und untrennbaren Zusammenhänge von "Gefühl und Verstand", "Bewussten und Unbewussten" sind kunstgeschichtliches Neuland und eine herausragende Leistung künstlerischer Intuition.

Mit der folgenden theoriegeleiteten ersten Analyse des Kunstkonzepts Logischen Abstraktionen wollen wir hier die beteiligten auf mehreren Wahrnehmungs- und Verarbeitungsebenen ineinandergreifenden psychischen Prozesse und Strukturen in ihrem komplexen und subtilen Zusammenwirken zur Diskussion stellen.

Die Kunst ist immer ein Spiegel gesellschaftlicher, kultureller, sozialer und psychologischer Zustände, Ausdruck oder Kritik eines kollektiven Bewusstseins der Zeit.

  • Die Logischen Abstraktionen von Ulrike Ertel sind sowohl subjektive Kunst, in der die Persönlichkeit der Künstlerin Ausdruck findet, wie auch personalisierte Kollektivkunst, da sie jedem, der bereit ist, sich den Bildern zu öffnen, in ähnlicher Weise, aber immer auch mit ganz individuellen Nuancen anspricht und dabei sehr subjektive emotional-evaluative Reaktionsmuster auslöst.

Die Schlüsselthemen der Logischen Abstraktionen

Schlüsselthemen und zentrale Fragestellungen der Logischen Abstraktionen sind auf den Wahrnehmungs-, Beschreibungs-, Interpretations- und Modellierungsebenen zum einen der Umgang mit "Gefühlen und Vernunft", das Ausmaß der Trennung bzw. die Stärke des Zusammenhangs und der gelungenen Synthese von beiden.

Gleichzeitig laufen auf den Wahrnehmungs-, Beschreibungs-, Interpretations- und Modellierungsebenen die vielfältigen Beziehungen des "Bewussten und Unbewussten" zueinander ab. Die Inhalte der Logischen Abstraktionen sind hier auf einem Kontinuum zwischen "Unbewussten und Bewussten" angesiedelt. Manches ist dabei niemals greifbar und kann auch nicht bewusst gemacht werden, manches ist nur vage vorbewusst wahrnehmbar, einiges kann ins Bewusstsein gebracht werden und manches ist sehr klar und eindeutig erkennbar.

Die Bedeutung und wechselseitige Beziehung von "Raum, Zeit und Bewegung" ist ein weiteres zentrales Themenfeld der Logischen Abstraktionen.

Die beiden letztgenannten Bereiche wurden in der Vergangenheit von verschiedenen Künstlern teilweise schon sehr unterschiedlich thematisiert. Der konzeptionelle Ansatz und die künstlerische Umsetzung bei den Logischen Abstraktionen sind aber auch hier völlig neu.

In dieser kurzen Abhandlung gehen wir zunächst nur auf die ersten beiden zentralen Schlüsselthemen "Gefühle und Vernunft" und "Bewusstes und Unbewusstes" ein.

Für das Thema "Raum, Zeit und Bewegung" werden wir ein eigenes Statement ausarbeiten. In dieser kunsttheoretischen Analyse werden wir auch die Konzeptkunst "Logische Abstraktions-Prozesse" mit einbeziehen.

Da hier besonders die drei Dimensionen "Raum, Zeit und Bewegung" das zentrale Schlüsselthema sind. Siehe auch: Ertel U., Ertel H.J.H. (1977), , München, P.I. Press.

  • Der Alleinstellungsanspruch von Ulrike Ertel sowohl für die "Logischen Abstraktionen" wie für die "Logischen Abstraktions-Prozesse" besteht darin, dass sie mit ihrer Malerei und Konzeptkunst auf den verschiedenen Wahrnehmungs- und Modellierungsebenen nicht nur zwei neue Kunstkonzeptionen geschaffen hat, sondern dass sie damit auch neue künstlerische Werte aufgezeigt hat.

Gefühle und Verstand

Die Bilder der Logischen Abstraktionen sprechen durch ihre künstlerische Form- und Farbgestaltung den Rezipienten zunächst einmal direkt emotional an, sie wirken bis in das tiefste Unbewusste. Gleichzeitig sprechen sie ebenso direkt den Verstand und die Logik an.

Durch die komplexen geometrischen und formallogischen Strukturen in der Form- und Farbgebung wird zum einen höchstes logisches Abstraktionsvermögen gefordert, gleichzeitig aber spontane Aufnahmebereitschaft für die emotionalen Wahrnehmungen und Reaktionen.

Die abstrakten, intuitiv entstandenen Farbfigurationen der Logischen Abstraktionen, bei denen das kreatives Chaos herrscht, zielen ausschließlich auf das Emotionale und Unbewusste, sie verleihen der inneren Anschauung Gestalt. Im Mittelpunkt steht dabei allein die direkte Gefühlsaussage, ihr wird alles andere untergeordnet.

Die Farben und Farbkombinationen werden dabei zu einem Höchstmaß der ihnen innewohnenden psychologischen Wirkungen gesteigert. Daraus entsteht eine Dynamik, eine Hin- und Herbewegung, eine Ausdehnung oder Verengung des Ganzen, eine besondere Bilddramaturgie.

Das Erlebte und Emotionale ist hier vollkommen ungeformt, gestaltlos, rein als seelisches Material zu finden. Fern jedem vorstellenden Verstand und jedem Eingehen in das Netz der kausalen Projektionen, haben weder Vorstellungen noch Begriffe einen Zugang.

Die amorphen Farbformen haben keine bestimmte Bedeutung oder subjektive Symbolik. Die Form-Farbabstraktionen sind bewusst "anti-rational". Sie repräsentieren eine nahezu "unendliche" Vielzahl von Stimmungen und Gefühlen und sind Mitteilungen an die emotionale Seite des Rezipienten.

Die formallogischen und "mathematischen" Konstruktionen des Bildaufbaus, die gesetzmäßige Verteilung und Auswahl der Farben sind dagegen "anti-emotional". Ihre Inhalte sind das Sichtbarmachen von logischen und messbaren Gesetzmäßigkeiten und Strukturen an sich.

Sie sind das reine Prinzip selbst, in ihrer absoluten Form völlig gelöst vom Konkreten. Sie bringen höhere Ordnung und System in das künstlerische Chaos der Farb-Formgestaltung. Damit richten sich die logischen Strukturen der Logischen Abstraktionen ausschließlich an den Verstand und das Bewusste, an die rationale Seite des Rezipienten.

So wechselt beim Rezipienten die Aufmerksamkeit zwischen der reinen Gefühlsempfindung und dem rationalen Versuch, die logische Struktur zu erkennen und zu verstehen. Es wechselt die rationale Analyse, das Streben nach Erklärungen und Erkenntnis, des Begreifens der Zusammenhänge mit der gefühlsmäßigen Empfindung, der emotionalen Wirkung des Bildes, dem emotionalen intuitiven Verstehen.

Dadurch wird ein sehr komplexer psychologischer Verarbeitungsprozess ausgelöst, der ein besonderes kognitives und emotionales High Involvement erfordert. In deren Folge es dann zu einem kunstwerkorientierten Self-Involvement beim Rezipienten kommt.

Die Logischen Abstraktionen von Ulrike Ertel sind gleichzeitig kreatives Chaos und mathematische Ordnung. Sie entspringen gewollt und bewusst dem Verstand und frei aus dem Gefühl. Vereinen Gegensätze und Widersprüche, und schaffen so eine innere Harmonie zwischen Bewussten und Unbewussten, zwischen Gefühlen und Verstand.

Dabei wird aber die Logik des Bildaufbaus und die innere Struktur nicht gleich auf den ersten Blick erkannt. Sehr häufig bleibt dem Rezipienten sogar bei dem Kontakt mit einem Bild die künstlerische Konzeption, das "Bild hinter dem Bild" weitgehend verschlossen.

Der Verstand fühlt sich ständig herausgefordert, die innere Struktur nachzuvollziehen, um die Gesetzmäßigkeiten und das logische Prinzip zu erkennen und zu verstehen.

Dies ist bei einigen Bildern ein komplizierter und sehr langwieriger Erkenntnisprozess, bei dem auch nach mehrmaligen und längeren Betrachtungen die innere Struktur und Logik nicht vollkommen erkannt und verstanden wird.

Obwohl es bei allen Bildern eine höhere Ordnung der Farbkombinationen und Farbfeldkompositionen nach festen und eindeutigen Regeln gibt, sind einige Logische Abstraktionen so komplex und schwer verständlich, dass man die innere Logik eigentlich nur noch intuitiv erfassen kann, aber nie vollkommen wirklich in allen Abläufen verstehen wird und auch nicht rational nachvollziehen und erklären kann.

Man ahnt zwar das logische Konzept, "fühlt" im wahrsten Sinne des Wortes die innere Logik der Bilddramaturgie, kann sie aber nicht oder nur sehr schwer auf allen Wahrnehmungsebenen plausibel exemplifizieren.

Dies ist von der Künstlerin bewusst beabsichtigt, denn auch die nahezu "unendlich" vielen Wechselbeziehungen zwischen "Gefühl und Verstand", "Bewussten und Unbewussten" sind häufig auch nur zu erahnen und nur sehr schwer in Worte zu fassen.

Durch das schrittweise "Erarbeiten" und "intuitive Erkennen", später "intellektuelle Verstehen" der inneren Logik des Bildes, wird die Aufmerksamkeit auf bisher noch nie erfahrene und erlebte innere Zusammenhänge unseres Denkens und unserer Gefühle gelenkt.

Bewusstes und Unbewusstes

Die unbewussten und bewussten Prozesse, die die Logischen Abstraktionen auslösen, lassen sich auch sehr anschaulich mit dem tiefenpsychologischen Konzept "Es", "Ich" und "Über-Ich" des Psychoanalytikers Sigmund Freud veranschaulichen.

Nach S. Freud ist der Hauptsitz des Unbewussten das "Es". Es ist gekennzeichnet durch das gleichberechtigte Nebeneinander von unvereinbaren Gefühlen und Trieben. Das Chaos ist hier das beherrschende Prinzip. Die Wünsche aus dem "Es" drängen ohne Beachtung der Konsequenzen zur Verwirklichung. Es ist der psychische Bereich der Träume, der Fantasien, Symbolik und Kreativität. Unserer Vernunft fällt es schwer, sich einen solchen Zustand vorzustellen, die Gesetze der Logik haben hier keine oder eine andere Gültigkeit.

Die einzelnen amorphen Farbfigurationen der Logischen Abstraktionen sind abstrahierte Ausdrucksformen dieses Zustands.

Zum "Es" gibt es einen Gegenspieler: das "Über-Ich". Seine Inhalte sind Logik, Regeln, Gesetze, Normen und Verbote. Hier existiert ein kritischer Anspruch, geprägt und geformt nach den Richtlinien der Gesellschaft, sozialen Normen und unserer Erziehung.

Das "Über-Ich" als meinungs- und handlungsleitende Instanz findet seinen Ausdruck in dem logischen und mathematischen Konzept sowohl der Bildstrukturen wie Farbfelder.

Zwischen "Es" und "Über-Ich" steht als Vermittler das "Ich". Es ist der bewuss-teste Teil, die ordnende und integrierende, entscheidungtreffende und handlungsausführende Instanz. Es versucht beiden Ansprüchen, dem "Es" und dem "Über-Ich" in der Realität unseres Lebens gerecht zu werden und vermittelt uns das Gefühl der Einheit unserer Person.

Dadurch wird ein intuitives Gefühl der Ganzheit vermittelt, ein Gefühl, das für den Menschen von existentieller Wichtigkeit ist. Wenn dieses Gefühl der Ganzheit verloren geht, verlieren Gefühl und Denken ihre Einheit und die Grenze zwischen Innen und Außen zerfließt, die Person findet sich weder in sich selbst, noch in der Realität zurecht.

Die Wechselbeziehung der einzelnen Farben und Farbfelder untereinander werden der Funktion des "Ich" zugeordnet.

Harmonie und Ganzheitlichkeit

Wie im alltäglichen Leben, wo unser seelisches Gleichgewicht, unsere innere Harmonie und Zufriedenheit sehr stark von einem ausgeglichenen Wechselspiel zwischen Gefühl und Vernunft beeinflusst wird, entfalten auch die Logischen Abstraktionen ihre ganzheitliche Wirkung erst in der intellektuellen und emotionalen Auseinandersetzung mit der Bilddramaturgie. Dabei wird ein Teil der Ganzheitlichkeit wieder neu entdeckt, die viele Menschen durch die Undurchschaubarkeit und Unberechenbarkeit ihres Lebens verloren haben.

Aber nur wenn man sich ohne Vorbehalt auf das Wechselspiel zwischen freiem Gefühl und logischem Denken einlässt, das mit den Logischen Abstraktionen inszeniert wird, wird man ihre Essenz spüren.

Im gleichberechtigten Zusammenwirken von Emotionen und Ratio sieht und erlebt der Rezipient die Logischen Abstraktionen immer wieder neu und völlig anders, denn die Wechselbeziehungen zwischen Gefühlen und Verstand haben in ihrer Intensität und Wandelbarkeit eine unendliche Variationsbreite.

So können dann Meinungen, Ansichten, Erkenntnisse und Vorstellungen, die beim Betrachten des selben Bildes zu unterschiedlichen Zeiten ausgelöst werden, sich mehr oder weniger verändern oder sogar völlig anders ausfallen. Eine sehr faszinierende Erfahrung, durch die man den Wandel seiner eigenen Persönlichkeit erlebt.

Henner J.H. Ertel, München, den 9. Oktober 1990